Atomkraft rückt näher

Der ostfriesische Boden kommt theoretisch für ein Atommüllendlager infrage. Derweil wird in den Niederlanden über ein Kernkraftwerk in Eemshaven nachgedacht.

(Foto: rabedirkwennigsen, Dirk Rabe, pixabay.com, CC0)

Vergangene Woche sorgte der „Zwischenbericht Teilgebiete“ der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) für einen Schreckmoment in vielen Regionen Deutschlands. Die BGE zeigt darin, welche Gebiete grundsätzlich für eine Endlagerung hoch radioaktiver Stoffe infrage kommen. Nun gehört auch Ostfriesland ganz offiziell dazu, allen voran der Zechstein-Salzstock bei Pewsum. Das zeichnete sich bereits im Sommer letzten Jahres ab, als es noch um Probebohrungen für die Erdgasförderung in der Krummhörn ging.

 

Ostfriesland statt Gorleben?

Gorleben dagegen, wo immer noch 113 Castor-Behälter mit hochgiftigem Atommüll stehen, kommt als Standort für ein Endlager nicht infrage. Der Ausschluss von Gorleben sorgte für Kritik des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU), die Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) zurückwies. „Es gibt in diesem Auswahlverfahren keine Extrawürste für niemanden“, sagte er am Montag in Hannover gegenüber dem NDR. Weils Bundesland ist besonders betroffen: Von den 90 Gebieten, die laut BGE „günstige geologische Voraussetzungen für die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle“ aufweisen, liegen 57 ganz oder teilweise in Niedersachsen. Über 80 Prozent der Landesfläche kommen somit potentiell für ein Atommüllendlager infrage. Günstige geologische Voraussetzungen finden sich demnach in Tongestein und Steinsalz in Westniedersachsen – über den Landkreis Osnabrück, das Emsland bis nach Ostfriesland.

 

Keine Panik!

Der Zwischenbericht Teilgebiete sucht anhand der Daten über den tiefen geologischen Untergrund nach einem potentiell geeigneten Standort für ein Atommüllendlager. (Karte: BGE)

Der niedersächsiche Umweltminister Olaf Lies (SPD) beruhigt: „Noch befinden wir uns in einem ganz, ganz frühen Stadium, wo vor allem Ausschlusskriterien eine Rolle spielen. Ab jetzt gilt: Wir hinterfragen die Kriterien und begleiten ganz intensiv den künftigen Prozess, indem wir die Bevölkerung eng einbinden.“ Die rot-grüne Landesregierung hat dazu ein Begleitforum eingerichtet.

Frank Baumann, Bürgermeister der Gemeinde Krummhörn, hält es laut NWZ für eher unwahrscheinlich, dass tatsächlich ein Endlager in Ostfriesland entsteht. Die Lage am Weltnaturerbe Wattenmeer aber auch der steigende Meeresspiegel dürften Ausschlusskriterien im weiteren Suchprozess sein.

Auch Filiz Polat, regional zuständiger Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen für Westniedersachsen bleibt entspannt: „Wichtig ist erstmal zu betonen, dass mit dem Zwischenbericht keine Vorentscheidungen getroffen wurden. Durch Mindestanforderungen und Ausschlusskriterien wie Erdbebengefahr, Vulkanismus oder Schädigungen des Untergrundes durch Bergbau verbleiben Gebiete in der Suche, die nach ersten Gesichtspunkten geeignet scheinen. Diese Gebiete in ganz Deutschland müssen jetzt genauer untersucht werden, um weitere Regionen auszuschließen“, so Polat. „Die Endlagersuche bietet die Möglichkeit, das Zeitalter der Atomkraft endlich abzuwickeln. Dafür braucht es den Standort mit der wissenschaftsbasiert bestmöglichen Sicherheit für den hochradioaktiven Atommüll.“

 

Atomkraft am Watt?

Im Ausland wird der Atomausstieg nicht als Option verstanden. In den Niederlanden überlegt die rechtsliberale Regierungspartei VVD bis zu zehn neue Atomkraftwerke zu bauen, um die eigenen Klimaschutzziele zu erreichen. Als ein möglicher Standort für ein AKW wird auch Eemshaven wieder als Standort ins Spiel gebracht, das an der Emsmündung gegenüber von Emden liegt.

Eemshaven ist bereits jetzt Standort von zahlreichen Windenergieanlagen sowie vier Gas- bzw. Kohlekraftwerken. Sie stehen bereits im Zentrum der Kritik der Bürgerinitiative Saubere Luft Ostfriesland, die sich wegen des geplanten Baus eines Kohlekraftwerks auf dem Rysumer Nacken gegründet hatte und sich schon lange sowohl gegen das Kohlekraftwerk in Eemshaven als auch gegen die Müllverbrennungsanlage in Delfzijl kämpft.

Die niederländischen Atompläne haben die Region aufgeschreckt. Borkum und Emden haben bereits angekündigt, sich mit allen rechtlichen Mitteln gegen ein grenznahes Atomkraftwerk zu wehren.

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